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Vermesser und Kartographen in der Geschichte Japans

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Ende September 2019 war ich in Tsukuba, in Japan, wo ich mich mit Ing. Masaru Kaidzu vom GSI getroffen habe, um mit ihm über “taiko kenchi” zu sprechen, über Vermessungen für den Kataster, welche von japanischen Vermessern von 1583 bis 15981 durchgeführt wurden. Ing. Masaru Kaidzu arbeitete 30 Jahre lang beim GSI, Geographical Survey Institute, auch als Direktor des Wissenschaftlichen Zentrums für Geographie und Tektonik. Zurzeit vertritt er die JFS, Japan Federation of Surveyors, in der Kommission 7 der FIG, welche sich mit Kataster und Land Management befasst. In Tsukuba befindet sich ein Museum für Vermessung und Kartographie, das sicher auf der Welt einzigartig ist. Tsukuba ist eine Stadt, die etwa  60 km nordöstlich von Tokyo liegt. 

VERMESSER UND KARTOGRAPHEN IN DER GESCHICHTE JAPANS

Anlässlich des FIG Kongresses von Sidney 2010, habe ich von Japanischen Kollegen Kartenmaterial erhalten. Da ich kein kanji lesen kann, wollte ich Masaru bitten, mir einige Schriften, die sich auf einer Skizze befanden, die wohl aus der Stadt Shimoda, einer Stadt aus der Präfektur Gifu stammen, zu übersetzen. Oben rechts steht geschrieben “Gruppe 13, Nummer 896, Kamijou - Shimoda”. Im schwarzen Balken steht “Hyakkenzutumi Damm” und links unten steht “6 Felder mit einer Gesamtfläche von 1 tan, 7 Se, 15 bu und 8 rin“. Wenn wir uns das Rechteck unten links ansehen, steht auf der linken Seite 8 ken und 3 shaku (=15,45 m), darunter 17 ken, 4 shaku und 2 sun (=32,18 m). Rechts steht nichts, oben links liest man  8 Ken, 4 shaku und 2 sun, oben rechts 7 ken und 9 sun, beide zusammen dürften 28,81 m ergeben. Man könnte sagen, warum einfach, wenn es kompliziert auch geht.
Die Geschichte Japans ist sehr komplex. Im 16. Jahrhundert gab es zahlreiche Schlachten zwischen den Clans um die Macht. Drei Persönlichkeiten sind als Reichseiniger berühmt geworden. Der Erste ist Oda Nobunaga (1534-1582), Daimyo der Provinz Owari; Toyotomi und Tokugawa waren zwei seiner Generäle. Die Daimyo, waren im japanischen Feudalsystem Landbesitzer mit eigenen Armeen.  Toyotomi Hideyoshi (1536-1598) war, trotz einfacher Herkunft, ein geborener Stratege, der rasch militärisch Karriere machte. Er wurde einer der Generäle, denen Nobunaga vollkommen vertraute. Nach dem Tod von Nobunaga übernahm Toyotomi Hideyoshi die Macht und befahl im ganzen Lande Katastervermessungen durchzuführen. Diese wurden von 1583 bis 1598 durchgeführt und kurz vor seinem Tod abgeschlossen. Kaiser Go-Yozei verlieh ihm 1591 den Titel taiko. Die von ihm angeordneten Vermessungen sind in Japan als taiko kenchi (kenchi=Vermessung) bekannt. Nach dem Tod von Toyotomi führte Tokugawa Ieyasu (1542-1616) den Kampf zur Einigung Japans fort. In Sekigahara2, einer Stadt zwischen Kyoto und Nagoya, heute Provinz Gifu, fand am 21. Oktober 1600 die Entscheidungsschlacht statt. An dem Tag trafen zwei Heere aufeinander mit über hundertfünfzigtausend Samurai. Tokugawa gewann, Ishida Mitsunari musste sich geschlagen geben. Diese Schlacht ist so wichtig für Japan, so wie es die von Waterloo für Europa war. Sie brachte endlich einen Frieden, der über 250 Jahre andauerte. Im Jahre 1603 nahm Ieyasu den Titel Shogun an und der Tokugawa Clan regierte Japan bis 1867.
Die Vermesser, welche “taiko kenchi” ausführten, gehörten fast ausschließlich der Samurai Klasse an. Das Steuersystem in Japan, während der Edo Periode, war hauptsächlich auf der Vermessung von Reisfeldern aufgebaut. Dörfer wurden als eine Einheit angesehen. Es galt alle Felder eines Dorfes orthogonal auszumessen und die Flächen zu ermitteln. Die Einheiten bu, dan und cho, stammten aus China. Bei der Wasan3  Mathematik hat ein Quadrat mit einer Seitenlänge von 6 shaku die Fläche von 1 bu. Es gab auch 1 dan gleich 360 bu und 1 cho gleich 10 dan. Ein Quadrat mit Seitenlänge 60 ken entspricht 360 shaku, gleich 1 cho. Im metrischen System beträgt 1 shaku 30,3 cm, sodass 1 shaku einer Fußlänge entspricht. Der mögliche Reisertrag je Fläche von 1 bu wurde auch festgehalten. Mit dem sogenannten  kokudaka System wurden für jedes Dorf Register geführt, in welchen die Parzellen der Felder und deren Ertrag in koku festgehalten wurden. Ein koku entspricht der Reismenge, welche ein Mensch pro Jahr verzehrt, was einem Volumen von etwa 180,4 Litern entspricht.
In seiner tausendjährigen Geschichte hat Japan vielerlei Einflüsse aus China erfahren. Die ersten Mönche aus China brachten nicht nur Religionen, sondern auch Wissenschaften des Kaiserreiches mit sich. Die ersten Europäer in Japan kamen 1542 aus Portugal. Es folgten die Spanier und mit Ihnen kamen Missionare, darunter Jesuiten. Diese gründeten Schulen, wo außer Religion auch Wissenschaften unterrichtet wurden, die damals in Europa üblich waren. Als 1614 die Japaner erfuhren, dass die Missionare den Glauben verbreiteten, der Papst in Rom sei über dem Shogun und dem Kaiser, da wurden sie von Japan vertrieben. Im Jahre 1638 wurden die anderen Europäer, mit Ausnahme der Holländer, des Landes verwiesen. Mit den Holländern kamen auch Vermessungsinstrumente ins Land, die damals in Holland in Gebrauch waren. Bereits im 17.ten Jahrhundert gründeten Japanische Vermesser Institute, wo bereits der Polygonzug und der Messtisch zum Einsatz kamen. Das Institut Shimizu4, gegründet von Shimizu Sadanori (1645-1717) war wohl das wichtigste seiner Zeit. 
Die erste Karte, wo Japan aufscheint, dürfte die Weltkarte aus dem Jahre 1602 vom Jesuiten Matteo Ricci (1552-1610) sein, welcher geboren in Macerata am 6. Oktober 1552, diese für Wanli, Kaiser von China (1563-1620) anfertigte. Diese gelangte nach Japan und ermutigte Ishikawa Ryusen eine Karte der Seen, der Berge und der Landschaften Japans anzufertigen, welche 1691 publiziert wurde. Eine Kopie kann im Rijksmuseum von Amsterdam bewundert werden. Die Karte hatte einen großen Einfluss auf europäische Kartographen der Zeit.  Der berühmteste Kartograph Japans aber ist sicherlich  Ino Tadataka5 (1745-1818) welcher seine Vermessungen  1800 in Ezo (heute Hokkaido) begann. Die Arbeiten wurden 1821 abgeschlossen, drei Jahre nach seinem Tod. Seine Japankarte, beruhend auf seine Vermessungen, beinhaltet 225 Blätter. 
Im Museum für Vermessung und Kartographie von Tsukuba kann man die Arbeit der japanischen Vermesser aus der Vergangenheit bis in die heutige Zeit hinein bewundern. In Tsukuba gibt es seit 1998 auch eine VLBI Station, welche von Kokudo Chirin, geführt wird. In Italien befindet sich eine VLBI Station beim  Centro di Geodesia Spaziale (CDS) in Matera, geführt von der Agenzia Spaziale Italiana (ASI). Mit dem VLBI (Very Long Baseline Interferometry) kann man tektonische Plattenverschiebungen messen, auch bekannt als Drift der Kontinente. Ein Beispiel: Ft. Davis-USA ist von Wettzell-Bayern etwa 9.164 km entfernt. Der mögliche Distanzfehler zwischen diesen beiden Stationen, mit VLBI gemessen, beträgt Plusminus 6 cm. Vermessung, Kartographie und Geodäsie sind faszinierende Wissenschaften. Ich bin stolz dieser großen Technikerfamilie anzugehören.

Vermesser und Kartographen in der Geschichte Japans
Vermesser und Kartographen in der Geschichte Japans
Vermesser und Kartographen in der Geschichte Japans
Vermesser und Kartographen in der Geschichte Japans
Vermesser und Kartographen in der Geschichte Japans

1. Ladstätter-Linhart, „China und Japan, die Kulturen Ostasiens“, S.341,1983, Verlag Carl Ueberreuter, Wien.

2. Harald Pöcher, „Kriege und Schlachten in Japan die Geschichte machten“, Verlag LIT Münster.

3. Chapter 4, Wasan as a practical Science, column Survey Methods“, als der National Diet Website Japans, schriftliche Genehmigung vom 27. Februar 2020.

4. Satoh Ken’ichi, „The Introduction of Dutch Surveyings Instruments in Japan“, 2016, Cartographic Japan, History in Maps, Wigen karen, Fumiko Sugimoto and Karacas Carcy, editor Chikago Press, page 35.

5. John Francis Brock: „Japan Most Famous Surveyor: Ino Tadataka and his Iconic 1821 Map of Japan“, Vortrag bei der 29. ICA-International Cartographic Association, Konferenz vom 15-20.07.2019 in Tokyo.