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Kataster Orients

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Kataster Orients

Ein Kataster erstellt in nur sechs Jahren
KATASTER ORIENTS
Lun auf der Entdeckung Taiwans

Die wertvolle Vermessungskultur
Ende März 2019 habe ich in der Stadt Taichung, einer Stadt mit etwa 2,8 Millionen Einwohnern auf der Insel Taiwan, den NLSC, Nationales Zentrum für Vermessung und Kartographie, Organisation des Innenministeriums der Republik China, besucht.
Taiwan war bis 1946 im Westen als “Formosa” bekannt. Diesen Namen “Ilha Formosa” (schöne Insel) bekam die Insel von portugiesischen Seeleuten, als eines ihrer Schiffe im fernen Jahr 1542 dort vorbeisegelte.
Die Republik China (Taiwan) mit Hauptstadt Taipei zählt 36.179 km², die Volksrepublik China mit Hauptstadt Peking hingegen zählt 9.596.960 km². Das einzige Kartographische Organ Taiwans ist der NLSC, welcher alle kartographischen, geographischen und katastralen Aufgaben des Landes durchführt. In Italien hingegen werden diese Aufgaben von verschiedenen Institutionen wahrgenommen. Seit 1990 habe ich an Kongressen der FIG, Internationale Geometer Föderation, teilgenommen, und an Symposien über die Geschichte des Vermessungswesens (History of Surveying). Diese Erfahrungen haben mir gezeigt, wie wertvoll und wichtig die Kultur des Vermessungswesens in der Welt für die Menschheit ist.
In Taiwan interessierte mich hauptsächlich, aus geschichtlich kartographischen Gründen, ein spezielles Jahr, das Jahr 1895, da zu diesem Zeitpunkt der Übergang von einem Chinesischen zu einem Japanischen Kataster stattfand.

Eine Geschichte von Kriegen
Nach einem verlorenen Krieg im Jahre 1894/95, geführt aufgrund von territorialen Kontrasten in Korea und in der Mandschurei, musste das Qing Kaiserreich (1684-1911), manchmal auch das der Mandschu genannt, an Japan, mit den Verträgen von Shimonoseki, die Insel Taiwan sowie die Penghu Inselgruppe abtreten.
Taiwan hat eine sehr komplexe Geschichte. Nach Portugiesen und Spaniern war die Insel von 1624 al 1662 sogar eine holländische Kolonie.
Bereits 1640 wurde von Holländern eine erste Karte der Insel erstellt.

Eine schwierige Recherche
Dank der Hilfe des Freundes, Prof. Peter Waldhäusl aus Wien, er war bereits Präsident der CIPA, konnte ich Kontakte mit taiwanesischen Geodäten aufnehmen.
Die CIPA, Internationales Komitee für Architekturelle Photogrammetrie, befasst sich mit der Vermessung, Dokumentation und Registrierung von historischen und archäologischen wichtigen Denkmälern der Welt. Während einer ersten Visite in Taipei 2016 durfte ich die Herren Dr. Lu Erh Sang (Chinesische Gesellschaft für Katastervermessung) und Prof. Dr. Peter Tian-Yuan Shih (Nationale Chiao Tung Universität), beides Vermesser kennenlernen, mit denen ich diskutieren konnte, was mich interessierte.
Man sagte mir, ich müsse zum NLSC nach Taichung, wo ich die gesuchten Informationen und die kartographischen Unterlagen finden könnte, welche die japanische Kolonialzeit (1895-1945) betreffen.
Daher konnte ich, am Vormittag des 27. März 2019, zusammen mit den Kollegen Lu und Shih und einen hohen NLSC Funktionärs, Yao-Hsien Tseng, den Sitz des NLSC besuchen.
Nach einem Mittagessen mit Funktionären des NLSC im Restaurant Drache des Orients haben wir am Nachmittag das Katasteramt von Zhongshan besucht, wo wir vom Direktor Shen-Hou Tang empfangen wurden.
Nach diesem Besuch konnten wir das Denkmal des Koordinatenursprungs aus der japanischen Kolonialzeit besichtigen, welches sich in einem Park nahe dem Hauptbahnhof von Taichung befindet.
Wie kann man Informationen über den Kataster der Qing vorher und den Japanischen nach 1895 finden?
Bücher und Dokumentation sind nicht leicht zu finden, zumal sie entweder in chinesischer oder japanischer Sprache aufliegen. Ich hatte Glück, im Internet fand ich die Doktorarbeit von Frau Dr. Ruiping Ye, sie ist Lecturer bei der Victoria Universität von Wellington in Neuseeland, auf Englisch geschrieben, gerade über das mich interessierende Thema und zwar “die Kolonisierung von Taiwan von 1684 - 1945” (Colonisation and Aboriginal Land Tenure: Taiwan during the Qing Period (1684-1895) and the Japanese Period (1895-1945).
Am 22. April 2019, habe ich mit Frau Dr. Ruiping Ye bei der Juridischen Fakultät der Universität Kontakt aufgenommen. Am gleichen Tag bekam ich aus Neuseeland von ihr die Antwort, dass ich die Informationen aus Ihrer Doktorarbeit für meine Recherche verwenden dürfe.

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Der Japanische Kataster
Als die Japaner 1896 (Meiji 29) nach Taiwan kamen, beschlossen sie anfänglich das bestehende chinesische Steuersystem beizubehalten obwohl dieses nicht perfekt und nicht komplett war.
Während der Qing Periode verpachteten die Grundeigentümer, Yezhu genannt, ihr Land an die Bauern und bezahlten die fälligen Steuern. Diese betrugen damals 750.000 Yen, die Schätzungen der Regierung waren nur etwas höher und betrugen 879.086 Yen. Die Japaner waren sehr daran interessiert genaue Informationen über das Territorium zu haben und begannen 1898 (Meiji 31) ausführliche Vermessungen auf der ganzen Insel durchzuführen mit Ausnahme der bergigen Inselmitte, welche von dichten Wäldern bedeckt und von rebellischen Stämmen bewohnt war.
Der Koordinatenursprung wurde damals in Taichung gewählt, einer Stadt welche sich fast in der Inselmitte befindet. Die Yezhu, Landeigentümer, mussten den Topographen genaue Angaben über Ihr Landeigentum machen, wobei, falls dies nicht geschah, das Land enteignet und eine Strafe zu zahlen war. Bei den Vermessungen, welche 1904 (Meiji 37) beendet wurden, kamen über 1.200 Personen zum Einsatz. In sechs Jahren wurden 1.674.374 Parzellen vermessen und katastermäßig erfasst. Die Arbeiten ermöglichten die Registrierung von 777.850 Jia Land, während der Qing Periode waren es nur 432.009 Jia gewesen.
Ein Jia entspricht 0,9699 Hektar oder 9.699,17 m². Bei seiner Einführung entsprach er der Fläche, die ein Bauer mit einem Pflug und einem Ochsen in einem Tag imstande war zu pflügen.
Auch heute noch ist der Jia in Taiwan in Gebrauch, obwohl diese Flächeneinheit während der holländischen Kolonialzeit eingeführt wurde. Die japanische Katasterverordnung sah für Grundstücke sechs Kategorien vor, inklusive der produktiven Gründe gemäß der chinesischen Tradition, wie landwirtschaftliche Flächen sowie Teiche zur Fischzucht. Unter anderem erfassten die Japaner auch Wälder und Weiden, Gebäude, Parks, Eisenbahnen, Flüsse, Kanäle und Mischgründe, welche während der Qing Regierung nie geregelt wurden.
Es ist klar, dass die Japaner die fortschrittlichsten und modernsten Vermessungstechniken der Zeit angewendet haben.

Das Topographische Zentrum von Taiwan
Nach dem Zweiten Weltkrieg, nach der Kapitulation der Japaner am 2.9.1945, wurde die Insel wieder eine Provinz Chinas und im Jahr 36 (1947) hat die damalige Regierung Chinas in Taiwan ein Topographisches Zentrum eingerichtet.
Im Jahr 96 (2007) wurde dieses Zentrum neu organisiert und in NLSC, National Land Surveying and Mapping Center, umbenannt und dem Innenministerium angegliedert.
Während in Japan die Jahre jedes Mal, wenn ein neuer Kaiser eingesetzt wird, neu beginnen (Beispiel das Jahr Meiji 1 beginnt 1867 mit Kaiser Mutsuhito), beginnt für die Chinesen das Jahr 1 mit 1911, mit der Ausrufung der Republik durch Dr. Sun Yat Sen am 10. Oktober 1911, beim Fall des letzten Qing oder Mandschu Kaisers.
Ich muss sagen, dass für mich der Besuch des NLSC eine einmalige Erfahrung war, ähnlich mit vielen anderen, die ich in vielen Ländern der Welt sammeln konnte. Jede für sich reich an Geschichte und Einzelheiten.

Jia: die Fläche, die ein Bauer in einem Tag pflügt

Besuch beim NLSC - National Surveying and Mapping Center - Taiwan
Geom. Lun Johann Martin -Topographenvereinigung Trentino- Südtirol

Wieviele Kataster gibt es auf der Welt? Wieviele müssen noch gemacht werden? Wie sind sie entstanden, wieviele Personen haben ihn erstellt und in welcher Zeit?
Diese und andere Fragen beschäftigen unsren abenteuerlustigen Kollegen Geom. Johann Martin Lun. Er spricht fünf Sprachen und hat während seiner Arbeitstätigkeit und auf Reisen an die fünfzig Länder der Welt kennengelernt.
Er ist das Reisen gewöhnt, aus Arbeitsgründen aber auch um seine persönlichen Kenntnisse zu erweitern, um Menschen kennen zu lernen, um Geschichten des Vermessungswesens zu entdecken, die überall auf der Welt etwas anders sind.
Hier die Geschichte eines Katasters von Taiwan, welcher von den Japanern in nur sechs Jahren von 1898 bis 1904 erstellt wurde, dank dem unermüdlichen Einsatz von 1200 Personen. Diese haben damals 1.674.374 Parzellen unterschiedlicher Art vermessen, kartographiert und dokumentiert, von Äckern, Forsten, Parks und Eisenbahnen, von Flüssen zu Kanälen.
Ein Abenteuer des Johann Martin, einem Freund, der diese Erfahrung mit dem Publikum von “Perspektiven Geometer” teilen möchte.