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Die glorreichen Sieben – Italienische Vermesser beim Kongress von Paris 1878.

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Die glorreichen Sieben – Italienische Vermesser beim Kongress von Paris 1878.

Vermesser um 1900

Die glorreichen Sieben – Italienische Vermesser beim Kongress von Paris 1878.

Die Geometer in meinem Alter werden sich sicher an einen Western aus dem Jahr 1960 erinnern, “Die glorreichen Sieben” vom Regisseur John Sturges. Dieser Film hat die Schauspieler Yul Brynner, Eli Wallach, Steve McQueen, Charles Bronson, James Coburn, Brad Dexter, Horst Buchholz berühmt gemacht und hatte einen großen Erfolg. Ich will aber nicht von diesem Western sprechen, sondern von der, in Paris 1878 erfolgten, Gründung der FIG, Internationale Geometer Vereinigung mit dem Mitwirken von sieben Italienischen Vermessern. Die FIG des Jahres 2020, mit Sitz in Kopenhagen Dänemark, vertritt heute Geometer Vereinigungen aus 120 Ländern der Welt und ist bei den Vereinten Nationen als NGO akkreditiert. Im Jahre 1878 haben sich, auf Einladung der Géomètres Frankreichs, anlässlich der Pariser Weltausstellung, Geometer aus sieben Ländern zu einem Internationalen Kongress im Palais Trocadero von Paris getroffen. In alphabetischer Reihenfolge waren diese, Belgien, Deutschland, England, Frankreich, Italien, die Schweiz und Spanien. Die Pariser Weltausstellung, in Abwesenheit Deutscher Aussteller, wurde vom 20. Mai bis zum 10. November 1878 abgehalten und hatte einen großen Erfolg. Mit 52.835 Ausstellern, 25.872 davon aus Frankreich, verzeichnete sie 16.156.626 Besucher. Unter anderem stellte dort der Russe Jablochkov eine Glühbirne vor, welche das erste Mal Licht produzierte, das anderthalb Stunden andauerte, es waren wahrlich andere Zeiten. Italien wird heute in der FIG durch den CNGeGL, Nationaler Rat der Geometer und Akademischen Geometer, mit Sitz in Rom vertreten. Der Geometerberuf in Italien wurde mit Kgl. Dekret vom 11. Februar 1929, Nr. 274 geregelt, welches die Geometer Kollegien einführte. Art.1 legt fest, “Der Titel Geometer steht demjenigen zu, welcher das Diplom eines Landvermessers an Kgl. Technischen Instituten oder das Befähigungsdiplom für den  Geometer Beruf erlangt hat, gemäß den Normen des Kgl. Dekretes vom 6. Mai 1923, Nr. 1054”. Bereits das Gesetz vom 24. Juni 1923, Nr. 1395, sieht im Art.7  die Gründung von speziellen Kollegien für Landvermesser und für andere Techniker Kategorien vor. Interessant ist, dass das französische Géomètre-Expert Diplom in Frankreich am 25. April 1929 eingeführt wurde, nach der Geburt des Italienischen Geometers. Wenn nun der Titel Geometer erst seit 1929 existiert, wer waren diejenigen, ich würde sie Geometer Vorfahren nennen, welche ehrenhaft Italien beim Pariser Kongress 1878 vertraten? In Italien wurde am 17. März 1861, nach ersten Parlamentswahlen, das Königreich Italien ausgerufen mit dem König Viktor Emanuel II. In den Italienischen Staaten vor dem Königreich waren obligatorische Kurse zur Berufsausübung rar. Erst 1876 wurde bei den Technischen Instituten die Sektion Landvermessung eingeführt, bei welchen man das Diplom eines Landvermessers erlangen konnte. Ein Reglement vom 25. Juni 1823, im damaligen Kirchenstaat, schrieb ein zweijähriges Studium von Elementen der Mathematik in einer Öffentlichen Schule vor, um den Beruf eines Landvermessers ausüben zu können. Es ist bekannt, dass auch Universitäten wie Bologna, Padua und Udine, Diplome für Landvermesser ausstellten. Ein erster genereller Kongress von Italienischen Geometern wurde am 30. Januar 1877 in Rom abgehalten. Iniziiert vom ersten, 1876 in Alessandria gegründeten, Geometer Kollegiums Italiens, wurde dieser Kongress vom Kronprinzen Umberto von Savoyen eröffnet. Der Zweite fand 1898 in Turin statt, gefolgt von dem in Bologna im Jahre 1901. Die glorreichen Sieben, das sind für mich die Italienischen Teilnehmer am Pariser Kongress 1878, dank derer sich Italien zu den Gründungsstaaten der FIG zählen kann. Überlegen wir mal, heute ist es möglich in zwölf Stunden von Italien nach Japan zu fliegen, um dort japanische Vermesser Freunde zu treffen. Im Jahre 1878 benötigte der Ingenieur Agronom und Landvermesser Cav. Raffaele Antonio Tarantelli fünf Tag mit dem Zug, um von Teramo in den Abruzzen nach Paris zu gelangen, wie ich dem Bericht, des leider verschiedenen belgischen Mitbruders  Jean Mosselmans, entnehmen kann, den er in Marne-la-Vallée am 13. April 2003 vortrug. Als Präsident des Kongresses von Paris 1878 wurde der französische géomètre Lefèvre de Sucy gewählt. Als Vizepräsidenten wurden nominiert, der Franzose Bucaille, der Engländer Edward Ryde (Kgl. Institut der Surveyors von London), der Deutsche Prof. W. Jordan (Professor der Geodäsie am Politechnikum Karlsruhe und Redakteur der Zeitschrift der Deutschen Geometer), der Belgier Paul de Jaer (Vizepräsident der Union der Geometer Brüssels), der  Spanier Dionisio Casanal (Chef der Vermesser Brigade von Saragossa), Redard (Vizepräsident der Schweizerischen Geometer Verein) und Cav. Raffaele Tarantelli (Italienischer Verein der Ingenieur Agronomen). Die glorreichen Sieben, welche die Italienische Delegation in Paris bildeten, waren: Cav. Raffaele Tarantelli (Ingenieur Agronom und Landvermesser aus Teramo/Abruzzen), Serafino Forli (Notar, Ingenieur Agronom), Giuseppe Sardi (Präsident des Geometer Kollegiums von Alessandria), Prof. Antonio Marucchi (Präsident der Zentralen Kammer der Ingenieur Agronomen in Rom), Cav. Pietro Poggioli  (Assessor bei der  Gemeinde von Rom) sowie die Landvermesser aus Rom Luigi Sarmiento und Pietro Mastrozzi. Deutschland wird heute in der FIG vom DVW, Gesellschaft für Geodäsie, Geoinformation und Landmanagement, vertreten. Die beiden Deutschen Teilnehmer  1878 in Paris, Prof. W. Jordan aus Karlsruhe und Geometer Höhler aus Frankfurt/Main waren Mitglied des DGV, Deutscher Geometer-Verein, welcher in Coburg am 16. Dezember 1871 gegründet wurde. Auf Vorschlag des Belgiers Ernest Lacroix wurde in Paris der CIP Comité International Permanent mit provisorischem Sitz in Paris gegründet, welcher drei Delegierte je Gründungsland vorsah, was der Geburtsstunde der FIG entspricht. Erst 1910, beim zweiten Internationalen Kongress, welcher in Brüssel vom 6.-10. August abgehalten wurde, kamen die Dinge ins Rollen. Vertreten waren Belgien, Dänemark, Deutschland, England, Frankreich, Italien, Japan, Mexico, die Niederlande, Norwegen, Österreich, Persien, Russland, Schweden und die Türkei, denen sich noch Teilnehmer aus Luxemburg, Portugal, Uruguay und den  Vereinigten Staaten anschlossen. Der Erste Weltkrieg unterbrach weitere Entwicklungen. Der dritte Kongress in Paris vom 15.-18. Oktober 1926 bestätigt endgültig die Existenz der FIG, Internationale Vereinigung der Vermessungsingenieure. Es folgen Kongresse 1930 in Zürich(4) und 1934 in London (5). Italiens Geometer haben bis jetzt drei FIG Kongresse abgehalten. Einer vom 5.-10. Oktober 1938, ein weiterer vom 25. Mai bis 5.Juni 1965, ein dritter vom 6.-10. Mai 2012, allesamt in Rom. Den “glorreichen Sieben” gebührt Dank, ob sie nun Ingenieur Agronomen oder Landvermesser waren. Sie sind für mich die Vorfahren der heutigen Geometer, an die ich mit diesem Artikel erinnern will. Sie haben mit Ihrer Teilnahme, Ihren Beiträgen und beruflichen Erfahrungen in Paris dazu beigetragen, dass eine übernationale Vereinigung gegründet werden konnte, welche bis heute Grundlage für eine vorteilhafte Zusammenarbeit zwischen Geometern aus aller Welt bildet.

 

Johann Martin Lun,
Geometer - Topographenvereinigung, Trentino-Südtirol

Die glorreichen Sieben – Italienische Vermesser beim Kongress von Paris 1878.
Die glorreichen Sieben – Italienische Vermesser beim Kongress von Paris 1878.